Elektromobilität – Das Skalierungsproblem

Veröffentlicht von umrath am

Die Elektromobilität nimmt langsam Fahrt auf, aber eben nur langsam. Zumindest in Deutschland, dem Land der Skeptiker, Nein-Sager und konservativ Denkenden.
Es gibt aber auch tatsächliche Probleme, die gelöst werden müssen. Mit der Betonung auf „Lösung“ und nicht auf „Problem“.
Ein solches Problem ist das der Ladeinfrastruktur, insbesondere im Bereich des Destination Charging.
Aktuell haben wir eine wachsende Ladeinfrastruktur, die aus zwei Schlagrichtungen besteht: Schnelllader für den Überlandverkehr und Destination Charger für den lokalen Bereich. Während die Betreiber das System der Schnelllader langsam zu verstehen scheinen (auch wenn es da noch reichlich Potential nach oben gibt), sehe ich aktuell das größte Problem im Bereich des Destination Charging.
Warum diese Unterscheidung? Was ist eigentlich Destination Charging?

Bei den Verbrennern reichen doch Tankstellen!

Elektromobilität ist mehr als nur eine neue Antriebsform. Es ist ein neues Mobilitätskonzept. Und neue Konzepte brauchen neue Lösungen.
Wir haben im Bereich der individuellen automobilen Mobilität im Grunde zwei große Einsatzgebiete: lokale Kurz- und überregionale Langstreckenfahrten. Die meisten Leute fahren mit ihren Autos nur kurze Strecken:

  • ein paar Kilometer zur Arbeit und zurück
  • den Wocheneinkauf abwickeln
  • Kinder von und zum Sport bringen
  • ins Kino

Das sind in den meisten Fällen nur wenige Kilometer und dann steht das Auto erstmal wieder eine Weile in der Gegend rum.
Und weil es blöd ist, wenn ein Auto einfach nur rumsteht, wäre es doch toll, wenn es dabei laden könnte, oder?
Das hätte mehrere Vorteile:

  1. Das Auto ist wieder voll, wenn man weiter fährt. (Ok, das war offensichtlich!)
  2. Man spart Zeit, weil das Auto immer nebenbei lädt und man nicht laden fahren muss.
  3. Destination Charger sind billig. Man spart sich Schnelllader, die vergleichsweise teuer sind.
  4. Akkus können kleiner sein, wenn ich ohnehin überall laden kann. Das spart Geld und Ressourcen.
  5. Das Auto kann vorklimatisiert werden und ich spare unterwegs Strom, weil das Auto nicht erst mit dem Akku den Innenraum von minus drölfzig Grad auf überlebensfähige Temperaturen bringen muss.

Aber es gibt auch Probleme: Wo stellt man die Destination Charger hin?
Ja, ins Parkhaus, auf den Parkplatz vor dem Supermarkt, an den Sportplatz und vors Kino, schon klar!
Aber wo genau dort?
Wenn man einfach ein paar Parkplätze mit Ladeanschlüssen ausstattet, muss man diese Ladeplätze für Elektroautos freihalten, sonst sind sie sinnlos.
Solange es nur 2 oder 3 Plätze sind, ist das auch kein Problem. Aber, …

Was ist, wenn es mehr Elektroautos gibt?

Irgendwann (hoffentlich sehr bald) werden die paar Ladesäulen am Supermarkt ständig besetzt sein, weil immer ein Elektroauto daran nuckelt. Toll!
Naja, nicht so richtig. Denn die Leute, die auch mit dem Elektroauto kommen und da laden wollen, sehen möglicherweise nur belegte Ladesäulen. Das ist doof, denn dann gehen die ganzen positiven Effekte von oben flöten.

Mehr Destination Charger!

Klar, das ist die logische Schlussfolgerung. Dann stellt man eben nicht zwei sondern vier oder acht Ladesäulen da hin.
Solange das wenige sind, lässt sich das noch machen. Aber mit steigender Anzahl steigt auch die Anzahl der Parkplätze, die man für Elektroautos reservieren muss, damit die Ladesäulen auch nutzbar sind, wenn denn ein Elektroauto kommt.
Was mache ich aber, wenn kein Elektroauto kommt? Dann steht der Parkplatz leer und ich verschwende Platz. Das ist ärgerlich!

Überall Destination Charger und keine reservierten Plätze!

Ja, kann man machen. Kostet aber auf einen Schlag etwas zu viel Geld. Ist ja auch ein wenig sinnlos am Parkplatz vor dem Stadion 4000 Parkplätze zu elektrifizieren, wenn doch nur 20 Elektroautos zum Fussballspiel kommen.

Ja was denn nun? Wie soll das gehen?

Das Problem ist tatsächlich die Skalierung. Was tue ich in der Phase zwischen „ein paar Elektroautos“ und „ganz viele Elektroautos“ (bei denen sich dann eine komplette Ausstattung mit Ladesäulen wieder lohnt)?

Dynamische Ladesäulen!

Wir brauchen Ladesäulen, die immer da sind, wo ein Elektroauto ist.
Ein Beispiel: In einem Parkhaus sind auf einem Parkdeck auf einer Seite vielleicht 40 Parkplätze in einer Reihe. Am Anfang steht in dieser Reihe statistisch 1 oder kein Elektroauto. Wir haben aktuell einfach im Verhältnis zu den Verbrennern sehr wenige Elektroautos. Wir rechnen also mit dem Extremfall und gehen von 2 Elektroautos aus. Das ist deutlich über der statistischen Wahrscheinlichkeit und reicht für dne Anfang.
Wir installieren also pro Seite jetzt 2 Destination Charger. Wenn wir die nutzbar halten wollen, müssten wir die zugehörigen Parkplätze reservieren. Das ist doof und deshalb machen wir das auch nicht. Stattdessen verbauen wir die 2 Destination Charger so, dass sie durch die Parkreihe geschoben werden können. Ich kann mir also die Ladesäule an meinen Parkplatz schieben und dort laden.
Klingt furchtbar kompliziert, ist aber gar nicht so schlimm!
Wir bauen an den Seiten – da wo eh Platz ist (sofern das Parkhaus nicht seit den 60er Jahren unrenoviert weiterbetrieben wurde) – Schienen an die Wand, auf die man die Lader montieren kann. Diese kann ich dann auf den Schienen zu mir schieben oder die automatisch dort hinfahren lassen. Stecker rein und laden!
Die Stromversorgung wird über die Schienen erledigt, die wie bei der U-Bahn funktionieren.
Ja Kinder, Finger weg!
Nein, Schmarrn – das kann man sicher gestalten, dass die Leute da nicht gegrillt werden.
Das gleiche Prinzip kann ich natürlich auch draußen nutzen oder an jeder beliebigen Stelle, an der Autos in einer Reihe parken. Was sie eigentlich immer tun.
Und das schöne ist: Wenn ich mehr Ladeanschlüsse brauche, hänge ich einfach eine weitere Station auf die Schiene. Leistungsmanagement dazu und ich muss mir um Überlast keine Sorgen machen.
Und irgendwann kommen wir zu Sinnen, schieben die ganzen Verbrenner auf den Schrott und fragen uns, warum wir nicht seit Jahren schon alle elektrisch fahren, weil es so viel leiser, sauberer und komfortabler ist.


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