Kapitalismus und Marktwirtschaft sind nicht das Gleiche

Veröffentlicht von umrath am

… und beide können langfristig nicht funktionieren, ohne dass es Verlierer gibt.
Und gleich vorweg: Planwirtschaft und Sozialismus sind auch nicht die Antwort.

Ausgangssituation

Grundannahmen

Jede Betrachtung braucht eine Reihe von festen Stützpfeilern, die als gesetzt angesehen werden (müssen), da man ansonsten vom Hundertsten ins Tausendste rutscht. Diese Annahmen will ich hier in Kürze zusammenstellen.

Ressourcen sind finit

Es gibt nur eine (zwar große) aber doch beschränkte Menge an Ressourcen, die einer Gesellschaft zur Verfügung stehen. Das gilt sowohl für Zeit als auch für Rohstoffe und auch Arbeitskraft. Nichts davon ist unendlich.

Konsum ist finit

Wenn man auch den Eindruck hat, dass in der Konsumgesellschaft immer und immer mehr konsumiert wird: Auch hier gibt es Grenzen. Spätestens dann, wenn ein Mensch 24/7 nur noch am konsumieren ist, ist eine natürliche Grenze erreicht. Praktisch vermutlich erheblich früher.

Beschreibung der aktuellen Gesellschaft

Ich beziehe mich bei dieser Beschreibung auf die Gesellschaft in Deutschland. Gelegentlich (dann weise ich darauf hin, sofern es nicht offensichtlich ist), werde ich aber auch den größeren Rahmen (Europa, ganze Welt) betrachten.
Wir leben in Deutschland in relativem Wohlstand.
Es gibt eine sehr kleine Oberschicht, auf die sich die Masse des Wohlstands in diesem Land konzentriert. Die Größe dieser Oberschicht ist relativ konstant. Es fallen also selten Leute aus ihr heraus und es kommen auch selten Leute hinzu. Der Austausch findet im Normalfall nur innerhalb der Familie statt. Das heißt Uropa stirbt weg und dafür rückt der gerade geborene Urenkel nach.
Daneben gibt es eine recht breite Mittelschicht. Die Mitglieder dieser Schicht leben in komfortablen Verhältnissen, haben ein geregeltes Einkommen, von dem sie nicht nur überleben können und müssen sich um die Zukunft nicht allzu große Gedanken machen.
Allerdings schrumpft diese Schicht in Deutschland. Der ehemals breite Mittelstand wird schmaler und es rutschen immer wieder Leute in die sogenannte Unterschicht ab.
Diese Unterschicht besteht vor allem aus Leute mit prekären oder schlecht bezahlten Jobs, Leuten ohne Job und einer Vielzahl von Leuten, die aus unterschiedlichen anderen Gründen am sogenannten „Rand der Gesellschaft“ stehen. Diese Leute haben oft Probleme, den Lebensunterhalt zu bestreiten und sind oftmals auf Transferleistungen angewiesen oder müssen damit rechnen, in Zukunft davon bedroht zu sein.
Diese Schicht wächst vor allem durch die Absteiger aus der Mittelschicht, denen der ehemals sichere und gut bezahlte Arbeitsplatz verloren gegangen ist.

Dynamiken in der aktuellen Gesellschaft

Da sich die Masse der Besitztümer auf die Oberschicht erstreckt, liegt auch der Besitz der meisten Firmen (im Sinne von Wirtschaftskraft und Bedeutung) in der Hand der Leute, die zu dieser Schicht gehören.
Die Mittelschicht war in Deutschland traditionell sehr stark und hat gerade durch Handwerk und mittelständische Betriebe signifikant zur Wirtschaftsleistung und Bedeutung beigetragen. Dieser Wert sinkt jedoch ziemlich konsequent und dauerhaft. Aktuell liegt der Wert noch bei rund einem Drittel (bezogen auf den Umsatz, Stand 2014) der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes. Vor rund 10 Jahren lag der Wert noch bei 50 %.
Es findet also eine kontinuierliche und recht schnelle Verschiebung der Wirtschaftsleistung von denen der Mittelschicht angehörenden Betriebe zu denen der Oberschicht angehörenden Betriebe statt. Es ist aktuell nicht erkennbar, dass dieser Trend sich verlangsamen würde.
Das bedeutet, dass sich faktisch die Besitzverhältnisse geändert haben und aus der ehemals mehrheitlich vom Mittelstand kontrollierten Wirtschaft eine nunmehr von der Oberschicht dominierte Wirtschaft geworden ist.
Kurzum: Der Oberschicht gehören inzwischen rund 2/3 aller Betriebe (nach Umsatz), Tendenz: schnell steigend
Es braucht nicht viel Fantasie, um zu verstehen, dass die Verschiebung des Besitzes der Produktionsmittel auch eine Verschiebung des Wohlstands bedeutet. Der Gewinn einer Unternehmung landet in unserem aktuellen Gesellschaftssystem beim Eigentümer des Unternehmens. Und da die Gewinne der deutschen Wirtschaft in den letzten Jahren immer gewaltigere Ausmaße angenommen haben, verläuft diese Entwicklung auch immer schneller.

Gesellschaftsformen

Was ist Kapitalismus?

Allgemein wird unter Kapitalismus eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung verstanden, die auf Privateigentum an den Produktionsmitteln und einer Steuerung von Produktion und Konsum über den Markt beruht.
Diese Definition halt ich jedoch für falsch.
Kapitalismus ist in meinen Augen eine Gesellschaft, in der die Besitzenden das Geschehen bestimmen. Wer die Macht über das Kapital hat, hat die Macht über die Gesellschaft.

Was ist Marktwirtschaft?

Eine Marktwirtschaft ist eine Gesellschaft, in der alle Entscheidungen den Märkten überlassen werden, also Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen und der Staat lediglich dann eingreift, wenn der Markt durch eine Monopolstellung bedroht wird.

Warum sind Kapitalismus und Marktwirtschaft nicht das Gleiche?

Viele Menschen setzen Kapitalismus und Marktwirtschaft gleich. Ich halte das für falsch.
Der Kapitalismus ist das genaue Gegenteil von Marktwirtschaft. Im Kapitalismus geht es darum, den eigenen Besitzstand so weit wie möglich zu vergrößern. Das klappt aber gerade dann am besten, wenn auf dem Markt nur ein Anbieter existiert und dieser die Preise diktieren kann, also gerade kein Wettbewerb vorhanden ist.

Warum sind Marktwirtschaft und Kapitalismus langfristig nicht haltbar?

Dass Marktwirtschaft und Kapitalismus nicht das Gleiche sind, habe ich im vorherigen Abschnitt bereits erklärt. Beiden gemein ist jedoch, dass sie keine stabilen Gesellschaftsformen sind. Allerdings aus unterschiedlichen Gründen.

Was ist falsch am Kapitalismus?

Der Kapitalismus führt zwangsläufig zu einer Konzentration des Kapitals in den Händen weniger. Dieser Mechanismus ist unvermeidbar, da Menschen unterschiedlich geschickt (und skrupellos) darin sind, ihre persönliche Habe zu verteidigen oder zu vergrößern. Daraus folgt zwangsläufig, dass das Kapital in den Händen derjenigen zusammenläuft, die am besten darin sind. Früher oder später besitzen einige wenige im Grunde alles während die Masse der Bevölkerung mittellos dasteht und dem Goodwill der Besitzenden ausgeliefert ist.
Wer das gut findet, kann das Wort „Demokratie“ vermutlich nicht einmal aussprechen, ohne nicht in schallendes Gelächter auszubrechen.

Was ist falsch an der Marktwirtschaft?

Bei der Marktwirtschaft haben wir ein anderes Problem.
Die Marktwirtschaft ist per Definition eine kompetitive Gesellschaftsform. Es gewinnt, wer mit dem geringsten Aufwand das beste Produkt zum günstigsten Preis anbieten kann.
Das klingt auf den ersten Blick toll. Günstige Preis, beste Qualität, geringster Aufwand – perfekt!
Nicht so schnell!
Man muss hier bedenken, dass alles ein Markt ist. Auch die Arbeitskraft. Wer gewinnt denn auf dem Arbeitsmarkt? Derjenige, der seine Arbeitskraft mit der höchste Qualität (Qualifikation) zum günstigsten Preis (Lohn) anbietet. Klingt schon nicht mehr ganz so toll, oder?
Was bedeutet das?
Die Marktwirtschaft ist im Grunde ein permanenter Überlebenskampf. Es überleben diejenigen, die die besten Leistungen erbringen können und vom Lohn existieren können. Der Rest verliert. Der Markt braucht sie nicht.
Und das Gleiche gilt auch für Unternehmen. Es überleben nur die Unternehmen, die aktuell die beste Leistung zum günstigsten Preis erbringen kann.
Was das bedeutet?

Ein (doch nicht so) kleines Beispiel, das zeigt, warum Marktwirtschaft nicht funktionieren kann

Jeder Mensch braucht Socken (ok, die meisten jedenfalls). Es gibt also einen Markt für Socken. Einen großen Markt. Den es gibt viele Menschen.
Eigentlich müsste man jetzt den kompletten Weg der Herstellung einer Socke in die Betrachtung einbeziehen. Das klammere ich hier aber mal aus, weil wir sonst nicht fertig werden und unterstelle einfach mal, dass der Markt für die Herstellung von Socken gesund ist, eine Vielzahl von Anbietern existiert und diese zu günstigen Preisen Socken für den Handel zur Verfügung stellen.
Wer hier protestiert, dass es nicht in Ordnung ist, solche Annahmen zu tätigen, hat damit bereits bestätigt, dass die Marktwirtschaft nicht funktionieren kann und braucht den Rest des Absatzes nicht mehr zu lesen, denn entweder die Marktwirtschaft funktioniert – und dann muss es einen funktionierenden Markt für die Herstellung von Socken geben – oder die Marktwirtschaft funktioniert eben nicht – und dann brauche ich gar nicht weiter zu machen.
Wir leben in einer globalisierten Welt, also stehen auf dem Weltmarkt reichlich Socken zur Verfügung, in allen möglichen Farben, Formen, Materialien und Preisen.
Die Einzelhändler kaufen jetzt also die (hoffentlich) am besten verkaufbaren Socken aus dem Großhandel und können diese weiter verkaufen. Und das funktioniert folgendermaßen:
Händler A kauft 100 Paar Socken zu 100 € ein.
Händler B kauft 10 Paar Socken zu 15 € ein.
Händler C kauft 1000 Paar Socken zu 500 € ein.
Die genauen Preise spielen keine Rolle, illustrieren aber die übliche Rabattierung: Wer mehr kauft, bekommt die Ware pro Stück günstiger.
Alle Händler haben im Moment nur eine Filiale in einer Gemeinde mit 1000 Einwohnern. Im Schnitt kauft jeder Einwohner ein Paar Socken im Jahr, also 1000 Socken in der gesamten Gemeinde.
Jeder Händler bietet jetzt seine Socken zum Verkauf an. Da jeder Händler auch Kosten hat und am Ende ja Gewinn machen will, müssen die Preise entsprechend weit über dem Einkauf liegen.
Händler A bietet seine 100 Paar Socken zu je 5 € an.
Händler B bietet seine 10 Paar Socken zu je 6 € an.
Händler C bietet seine 1000 Paar Socken zu je 4 € an.
Wenn alle anderen Umstände gleich sind, müsste nach der marktwirtschaftlichen Theorie Händler C 1000 Socken verkaufen und 4000 € erlösen, während die anderen Händler leer ausgehen. Sie verlieren in dem Jahr also 100 € bzw. 15 €, da sie die Ware nicht verkaufen können, sie aber beim Großhändler bezahlen müssen.
Was passiert jetzt?
Vorausgesetzt, dass die beiden anderen Händler jetzt nicht schon Pleite sind, sondern das Jahr mit Rücklagen überstanden haben, findet im 2. Jahr eine neue Runde statt. Händler A und B kaufen nicht ein – ihre Lager sind ja noch gefüllt. Händler C hat im letzten Jahr alles verkauft und freut sich auf das neue Jahr, kauft also wieder 1000 Paar Socken zu 500 € ein. Händler A und B sind aber nicht blöd und haben begriffen, dass ihre Preise zu hoch waren, sie deshalb im letzten Jahr nichts verkauft haben. Also passen sie ihre Preise (ganz der Theorie entsprechend) an und verkaufen ihre Socken jetzt zu 3,50 € (Händler A) und 3,75 € (Händler B).
A und B verkaufen in diesem Jahr entsprechend alle ihre Socken und Händler C wird diesmal nur 890 Socken los, macht aber auch seinen Schnitt. Friede, Freude, Eierkuchen – Marktwirtschaft funktioniert!
Nein, denn das Spiel ist noch nicht zu Ende.
Händler D bekommt mit, dass mit Socken ein gutes Geschäft zu machen ist und steigt in den Markt ein. (Marktwirtschaft funktioniert so.) Im 3. Jahr kaufen die Händler wie folgt ein:
Händler A kauft 200 Paar Socken zu 190 € ein.
Händler B kauft 20 Paar Socken zu 25 € ein.
Händler C kauft 890 Paar Socken zu 450 € ein.
Händler D kauft 1000 Paar Socken zu 500 € ein.
(Händler D ist groß und hat Geld, kann also gleich voll einsteigen. A und B sind mutiger geworden und wollen wachsen, also investieren sie mehr.)
Händler A bietet seine 200 Paar Socken zu je 3,50 € an.
Händler B bietet seine 20 Paar Socken zu je 3,75 € an.
Händler C bietet seine 1000 Paar Socken zu je 4 € an.
Händler D bietet seine 1000 Paar Socken zu je 3 € an.
Was jetzt passiert, ist klar: D verkauft seinen Bestand und A, B und C gehen leer aus, bleiben also auf ihrer gesamten Ware sitzen.
4. Jahr, D kauft als einziger ein: 1000 Socken zu 500 €. A, B und C kaufen nicht ein, passen aber ihre Preise für die Socken an:
Händler A bietet seine 200 Paar Socken zu je 2,75 € an.
Händler B bietet seine 20 Paar Socken zu je 2,90 € an.
Händler C bietet seine 1000 Paar Socken zu je 2,50 € an.
Händler D bietet seine 1000 Paar Socken zu je 3 € an.
Was jetzt passiert ist klar und auch die weiteren Jahre sind offensichtlich. Es gewinnt immer der Händler, der die (gleiche) Ware zum günstigsten Preis anbietet.
Was passiert aber, wenn irgendwann die Preise so weit im Keller sind, dass die Händler ihre Unkosten nicht mehr decken können und statt Gewinn nun Verlust machen? Nun, entweder sie gehen Pleite oder sie senken ihre Kosten. Also beginnt jetzt hier ein weiterer Wettbewerb und die Händler bezahlen ihren Mitarbeitern weniger Geld. Das geht für den Händler solange gut, bis der Mitarbeiter von seinem Geld nicht mehr leben kann oder ein besseres Angebot bei einem anderen Händler bekommt und sich verabschiedet. Wenn der Händler dann für das bisschen Geld, was er noch zahlen kann, keinen neuen Verkäufer mehr findet, ist das Geschäft auch am Ende. Irgendwann ist der Punkt auf jeden Fall erreicht, zu dem einer der Händler Pleite geht. Zwangsläufig.
In der Marktwirtschaft endet zwangsläufig in jedem Markt das Geschäft für einige Beteiligte in der Pleite. Immer. Das ist systemimmanent.
„Das ist halt so. Das gehört dazu!“
Na, wer von euch hat das gerade gedacht?
Ja, das gehört dazu – und das ist auch das Problem. In der Marktwirtschaft verliert immer jemand. Es gibt immer einen, der am Ende als Verlierer vom Platz geht und dessen Existenz kaputt gegangen ist.
„Aber er kann doch seine Socken im Nachbardorf verkaufen!“
Klar kann er. Aber das löst das Problem nicht. Es verschiebt sich nur.
Ich kann die Parameter verschieben wie ich will – am Ende verliert immer einer.
Dieses Beispiel lässt sich auf jeden beliebigen Markt anwenden. Völlig egal ob Rohstoffgewinnung, Produktion, Zulieferung, Dienstleistung oder Handel: Am Ende ist immer einer der Verlierer.
„Aber die Händler kaufen nur zu teuer ein! Bessere Preise!“
Nein. Das ist irrelevant. Auch das ist nur eine Verschiebung des Problems. Wenn die Händler jetzt anfangen geringere Preise von den Großhändlern haben zu wollen, verschiebt sich das Problem dahin. Und die geben ihr Problem weiter an die Hersteller. Und die verschieben ihre Produktion nach Bangladesh aus, weil die Arbeiter da billiger sind. Und dort werden die Fabriken dann immer billiger gebaut, die Leute immer schlechter bezahlt. Irgendwann bricht eine Fabrik ein und 150 Leute sterben …
Das Problem lässt sich nicht wegdiskutieren. Es bleibt da. Ich kann mir nur aussuchen, wo es scheppert. Aber es wird scheppern.
„Aber dann wird zu viel produziert! Das übergroße Angebot ist das Problem!“
Wollen wir das Spiel mal mit 990 Socken Angebot durchspielen, damit die Preise oben bleiben? Ist das wirklich nötig oder seht ihr von allein, dass dann die Verlierer nur an einer anderen Stelle sitzen?
(Mal ganz abgesehen davon, dass es kaum einen Markt gibt, der nicht durch ein Überangebot völlig überschwemmt wird. Wir stellen heute ohnehin schon viel mehr her, als wir eigentlich brauchen. In fast allen Bereichen.)
„Dann müssen die Händler was anderes verkaufen! Oder was anderes machen!“
Ehrlich? Auch das verschiebt das Problem wieder nur. Es gibt in diesem System keine Lösung für dieses Problem.

Die Erklärung war dann doch etwas länger, als ich ursprünglich geplant hatte. Aber ich denke, dass das notwendig war. Und ja, mir ist klar, dass das Beispiel vereinfacht ist. Aber auch ein komplexeres System führt zu exakt dem gleichen Ergebnis.
Marktwirtschaft und Kapitalismus funktionieren schon – wenn wir akzeptieren, dass es dafür Verlierer geben muss.
Ich will das nicht akzeptieren!
Falls ich irgendwann mal Zeit finde, entwerfe ich ein neues Modell, dass deutlich fairer und stabiler ist – und vor allem ohne systemimmanente Verlierer auskommt.
Aber dafür brauche ich deutlich mehr Zeit als die gute Stunde, in der ich diesen Text geschrieben habe. Zeit, die ich ich aktuell leider nicht habe.


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